Silvester

Wenn der Mesner am Silvesterabend die große Glocke läutete, so war es uns, als hörten wir die rufende Stimme eines kranken Freundes, der in den letzten Zügen lag. in Wirklichkeit war es das alte Jahr und mit ihm ein gutes Stück von unserem kurzen Leben, das wir an jenem Abend im Rahmen einer feierlichen Danksagung in der Kirche zum Grabe trugen.

 

Der Priester bestieg die Kanzel und hielt eine Predigt. Er sprach von den Pflichten der Gläubigen, tadelte die säumigen Kirchgänger, er sprach von der Vergänglichkeit und von allem, was in eine schöne Predigt gehört. Zum Schluß gab er die Zahl der Geburten, Eheschließungen und die Zahl der Verstorbenen kund. An dieser Stelle sah ich meinen Nachbarn sinnend an, wobei mir einfiel, dass vor einem Jahr an seiner Stelle ein anderer stand, der jedoch schon längst im Grabe ruht. Auch seinen zwanzigjährigen Sohn haben sie kurz vor ihm begraben. Ich sann nicht weiter nach. Dieser Gedanke und die Worte des Priesters gingen mir durch Mark und Bein. Ich fühlte, wie schnell das menschliche Leben verwelkt und wie schnell auch wir zur letzten Ruhe abgerufen werden können. Wie und wann das geschehen wird, kann niemand wissen. Eins ist jedoch sicher: die Stunde kommt, vielleicht noch eher als wir glauben. Der ewige Schnitter kennt kein Erbarmen und lässt sich auch nicht verscheuen. Er nimmt den Fürsten genauso wie den Bettler. Da nützt keine bewaffnete Macht, kein Verstecken, kein Entlaufen. Er findet uns. Sei es im Gebüsch, in der Wüste oder in unserer Wohnung. Wenn wir den Lauf des menschlichen Lebens betrachten, so müssen wir letzten Endes sagen: der Großvaterstuhl wird niemals leer, er wechselt bloß den Besitzer. Heute heißt er Adam, vielleicht schon morgen Peter. Menschen kommen Menschen gehen. Dieser ständige Wechsel ist ein unumstößliches Naturgesetz, gleichzeitig aber auch der einzige unwiderrufliche Versöhnungsakt. Der Ort, wo er geschlossen wird, ist still und friedlich. Dort ruht das Herz, dort endet der Hochmut, dort sind wir alle gleich. Dies waren ungefähr jene Gefühle, die mich in der letzten Silvesterandacht, bevor das große Unglück über unser Dorf kam, in der Heimatkirche bewegten.

 

Der Priester schloss mit einem Gebet für das Seelenheil aller Verstorbenen. Es folgte unter Mitwirkung des Gesangvereins ein feierliches „Großer Gott wir loben Dich“, das mit einem Dankgebet abgeschlossen wurde. Während die Gläubigen die Kirche verließen, spielte die Blechmusik als Neujahrswünsche lustige Märsche. Die Musikanten gingen danach in das Dorf, wo sie den Gerichtsleuten und anderen führenden Personen das Neujahr anspielten. Das Volk verbrachte den Silvesterabend teils im Familienkreis, teils bei verschiedenen Veranstaltungen, um der letzten Stunde des Jahres, um Mitternacht, mit den Wünschen für eine bessere Zukunft „das alte Jahr zu beschließen und das Neue zu begrüßen“.