Im Schnitt, kurz vor dem Ersten Weltkrieg

Das Schuljahr war Mitte Juni beendet, ich fuhr zu meinen Eltern in die Sommerferien. Mein Vater hatte eine Bauernwirtschaft und begann in jenen Tagen mit dem Kukuruzhäufel’. Damit ich nicht ziellos und müßig umherlaufe, drückte man auch mir eine Hacke in die Hand. Bei günstigem Wetter, unter blauem Himmel und bei lieblichem Sonnenschein ging die Arbeit spielend. Die Fluren prangten im schönsten Kleide, auf der einen Seite die zart grüne Frühjahrsaat, auf der anderen Seite das Gold gefärbte Weizenmeer, geschmückt mit blauen Kornblumen und roten Pipatschen (Kaltschmohn). Der Weizen war reif und wollte nach Peter und Paul geschnitten sein. Unsere Hausleute gingen in den Schnitt. Auch ich war als kleiner Student dabei.

 

Es war noch stockdunkel als man mich weckte. Der Wagen war in Ordnung gebracht, Sensen, Sicheln, Rechen, Schlotterfaß,s Logl, (ein hölzernes Gefäß für Trinkwasser) und Brotsack gut verstaut, die Pferde eingespannt. Wir saßen auf. Matz unser braver Knecht, kutschierte. Nachdem er sein übliches „Hoi in Gott’s Name“ gesprochen hatte, rollte unser Wagen zum Tor hinaus. Am artesischen Gemeindebrunnen erwartete uns unser Sommermann, der flinke Vetter Stefan, füllte s Logl, sprang eilfertig auf den Wagen und blies vergnügt dicke Rauchwolken vor sich hin. Mein Vater nahm seine Pfeife hervor, betastete seine Taschen, fand aber nicht was er suchte. „Donnerwetter“ sagte er „ich han jo mei Tuwaksbeutl drhem vergess“. Dann ergänzte er: „Matz, beim Geschäft bleibscht stehn, daß mr Tuwak kafe“ Matz hielt an und Vater hielt mir ein Zehnkreuzerstück mit den Worten entgegen: „Bringscht zwei Pakl Dreier un en Pakl Vierer.“ Tup-tup-tup……..klopfte ich am Fenster, aber im Schlafzimmer des Kaufmannes blieb alles still. „Klopp feschtr!“ ermutigte mich Vater. Tup – tup – tup, Hallo Herr N. zwei Pakl Dreier und ein Pakl Vierer“ rief ich laut. – „Warum nicht schon um zwölf Uhr?“ hör ich ihn jetzt entrüstet sagen. Bald danach öffnete er das Fenster und übergab mir die begehrte Ware. – „Warum nicht schon um zwölf Uhr?“ Dieser Satz machte mir damals viel zu schaffen. Ich fragte mich mit meinem kindlichen Verstand: Wozu die Entrüstung, weshalb der unhöfliche Ton des Kaufmannes? Ich zahlte doch mit barer Münze und nahm an, ein guter Kunde zu sein. Der heutige Kaufmann würde einen solchen Ruhestörer verhaften lassen. Die Turmuhr schlug damals erst die dritte Stunde.

 

Von dichtem Morgengrau umhüllt, fuhren wir dann unserem Ziele zu. Auf dem Felde entleerten wir den Wagen, banden die Pferde daran, versorgten Brotsack und Logl und gingen an die Arbeit. Zunächst machten wir Seile, Bindezeug. Man reißt eine Handvoll Weizenhalme aus der Wurzel, teilt sie in beide Hände, legt die Spitzende schräg übereinander und knüpft sie zusammen, daß die Ähren nicht beschädigt werden. Das Seilmachen ging geschwind vonstatten, denn wo fleißige Schwabenhände sich regen, dort wird auch was geschaffen. Auch hatten wir noch einen großen Vorrat vom vorherigen Tage. Vetter Stefan belustigte uns mit Anekdoten, wobei er bemerkte: „S Selmache wär jo a ganz gute Morgensport, wann mr Händ und Kehl net so trucke wäre“ – „Unrm Wan is die Falsch (Branntwein) ich weeß jo, daß mei Stefan gere beißt“, sagte mein Vater. Matz liebte solche Reden nicht und war froh, daß diese Arbeit rasch beendet wurde. Er warf freudestrahlend seinen Hut unter den Wagen und schlug den ersten Maden an. Er war der Vormäher.

 

„Nor zammraffe, daß mr ans End kumme“ eiferte er mich wiederholt zur Arbeit an, da ich hinter ihm kleckte, mit der Sichel den geschnittenen Weizen zu Bunde sammelte und in die Seile legte. Ich durfte mich ohne dieser Ermunterung nicht säumen, da die zweite Sense, mein älterer Bruder, mir ständig auf den Fersen war. Hinter ihm rauschte die Sense meines Vaters. Der andere Bruder kleckte. Vetter Stefan band Garben. Kurz nach Sonnenaufgang kamen wir schon durch die Länge, ans obere Ende. Dort stand auf seinem großen Stock gestützt der alte Feldhüter. „Gut Morje“ grüßte er „ich men, Ihr seid noch von gischtr Owed do? „Des net“, erwiderte Matz schmunzelnd „mr sin bloß a bißl fruh aus die Fedre kumm“ „Des glab ich, weil heut is noch net so manchr Wan in de Hottar kumm.“ Der Alte schritt mit uns über die Stoppeln an den Wagen, wo man ihm die Flasche reichte. Er nahm einen meisterhaften Schluck, schnalzte mit der Zunge und sagte: „Des jo, des gibt em starke Mann Kraft! Jetz geh ich mol schaue, ob dr Schofhalter net sei Schäf wiedr iwr d Klee treibt. Emmol han ich n schun gepändt, awr dem Mordskerl is net zu traue. Seid nor recht fleisich!“

 

Wir saßen schon beim Frühstück, als ein Wagen an uns vorbeifuhr. Da wieherte Matz sein Lieblingspferd, der Sendesch, als riefe er: „Ihr Siebenschläfer, jetzt kommt man in den Schnitt?“ Ja, so sprach Sendesch, weil Matz verstand und verdolmetschte seine Sprache. Die Arbeit ging im Sturm weiter. In der Mittagsstunde brachte unsere Mutter mit einem Einspänner das Mittagessen, welches wir auf den über die Stoppel ausgebreiteten Pferdedecken im Kreise sitzend einnahmen. Noch nie schmeckte mir das frische Bauernbrot, Rindsuppe mit Nudeln, Rindfleisch mit Stachelbeersoß und Apfelstrudel so gut wie an jenem Tage. Es folgte eine längere Pause. Matz band die Pferde aneinander, schwang sich auf seinen Sendesch, ritt zum ersten Feldbrunnen, um sie zu tränken. Die Männer dengelten die Sensen, indessen ich im Schatten des Wagens ein erquickendes Schläfchen hielt. – Nachmittag ging die Arbeit wegen der großen Hitze bedeutend langsamer. Heiße Schweißtropfen flossen mir übers Gesicht und Körper. Ich wurde müde. Matz merkte dies, weshalb er mich belehrte, wie man sich im Schnitt fächert, das Gesicht mit dem Hut, die Brust durch Lüften des Hemdes. Auch vergaß er nicht, mich zur Ausdauer anzuspornen. „Net nohlosse! noch zweimol dorch, no sin mr for heut fertich!“ Erfreulicherweise kam mein rüstiger Onkel, der in der Nähe arbeitete, mit seiner Sense über die Stoppeln zu uns marschiert. „Ich kumm a bisl maje“ lautete sein Gruß und stellte sich an die Stelle meines Vaters. Vater nahm mir die Sichl ab, worauf ich dann Garben zusammentrug. Der Onkel zog die Sense mit einer Hast, daß sie sang und klang, kam aber nicht nach seiner Art vorwärts, da ihm der Vormäher Matz, zu langsam war. Er ließ die Sense ruhen, blickte sinnend vor sich hin und schritt dann eiligst an die Spitze. Dieser Streich hatte unseren Matz äußerst aufgebraust. Er fühlte sich in seiner Rolle zurückgestellt, duldete aber keine Erniedrigung. Ohne lange zu überlegen führte er seine Sense quer über die Breite und schlug auf der anderen Seite in gesteigertem Tempo dem unteren Ende zu. So rettete Matz seine Rangwürde und war nun wieder gut gelaunt in seinem gewohnten Element. – Ich verweilte mich unterdessen mit den Garben und ergötzte mich an dem Hupfen und springen der aufgestöberten Hasen, die unter den Garben Schutz suchten, von mir aber wieder verscheucht, eiligst davon liefen. Die Hitze ließ allmählich nach, da und dort erklang der liebliche Wachtelschlag, über die Fluren zog das schrille Zirpen der Grillen, unser Tagwerk ging zu Ende. Als die Sonnenstrahlen den Horizont streiften, waren vier Joch Weizen zu Garben gebunden und in Kreuze aufgeschichtet. Auf dem Heimweg überschaute Matz prüfend das flache Weizenmeer, lächelte vergnügt und sagte: „Vettr, heut ham’r d’ Schlüssl“, d.h. unser Wagen war der letzte, der an jenem Abend das Feld verließ. Zu Hause angelangt, erkletterten die kleinen Nachbarskinder den Wagen um das „Hasenbrot“ herauszufinden. Kurz nach dem Nachtmahl war unsere stramme Garde in tiefen Schlaf gesunken.