Tiefland – Bauernland! Das Donau – Theiß – Tiefland, die größte und fruchtbarste Beckenlandschaft Mitteleuropas, war unsere Heimat, die Heimat biederer donauschwäbischer Bauern. Diese Landschaft bietet dem Wanderer eine starre Einförmigkeit: Feld reiht sich an Feld: Wald sieht man nur selten und auch der Gebüsche und Sträucher sind nicht viele. Nur wo die Straßen ziehen, haben die Maulbeer – und Akazienbäume eine Stätte. Und sonst nichts als Ähren, fast uferlos, wie ein endlos wogendes Meer. In dem südlichen Teil dieses Tieflandraumes, im Banat, der Batschka der schwäbischen Türkei, in Syrmien und Nordslawonien wuchs der bekannte, Kleber reiche „Banater Weizen“, auch „Theißweizen“ genannt.
Es war Erntezeit! Der Sensenschnitt – er arbeitete zu langsam in den bäuerlichen Mittel- und Großbetrieben der donauschwäbischen Siedlungsgebiete. Ratternd zog dafür der Mähbinder (1908 eingeführt) seine Bahn. Er wurde den ganzen Tag hindurch von Traktoren oder abwechselnd von vier Nonius- oder Gidranpferden gezogen. In breiten Streifen schnitt er den goldenen Segen und warf ihn, zu Garben gebunden, seitwärts ab. Weiber, Mädchen und halbwüchsige Kinder trugen die Garben in Reihen zusammen, kräftige Erntearbeiter schlichteten sie zu Garbenkreuzen (14 Garben) auf, die in Reih und Glied auf den Stoppeln bis zum Beiführen standen. Es waren acht schwere aber segensreiche Arbeitstage, die zwölf und mehr Arbeitsstunden hatten. Die heißen Julisonnenstrahlen fielen auf die weite Ebene und schürten eine für Mensch und Tier fast unerträgliche Gluthitze. Tapfer hielten unsere donauschwäbischen Bauern aus. Sie waren immer die ersten, die das Beiführen begonnen haben. Wenn vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit mehreren Wagen zugleich eingefahren wurde, so türmten sich im Freien, auf dem „Tretplatz“, die großen Getreideschober. Ehe noch die letzte Fuhre mit dem „G’rechl’ts“ eingebracht wurde, surrten schon von 4 Uhr morgens bis 9 Uhr abends die Dreschmaschinen ihre eintönigen Lieder. Auf den Hausböden und in den Magazinen häufte sich der Körnerreichtum. Die Druscharbeit dauerte drei bis fünf Wochen. In dieser Zeit verdiente ein Druscharbeiter bis zu 20 dz Weizen. War die Ernte- und Druscharbeit vorüber, hatte jeder, der in dieser Zeit seine Kraft einsetzte, Brot für das ganze Jahr; hungern brauchte keiner.
Die Weizenernte war noch nicht der arbeitsreichste Teil des bäuerlichen Wirtschaftsjahres, mehr noch brachten Herbst und Spätherbst bei der Größe der Güter ein voll gerütteltes Maß an Arbeit. Erst wenn der Pflug die Stoppeln umgestürzt hatte, wenn Kartoffeln und Futterrüben in Mieten geborgen, der Hanf geschnitten und gehechelt, der Tabak gebrochen und aufgeschnürt, der süße Rebensaft in Fässer gefüllt, die Maiskolben gebrochen, geschält und im langgestreckten Maisspeicher zum Trocknen über den Winter aufgeschüttet, das Maislaub in runden Schobern aufgeschichtet waren und endlich die neue Wintersaat in der Erde ruhte, erst dann konnte der schwäbische Bauer seine Jahresarbeit als vollendet ansehen. Dann vollzog sich das Getriebe des Alltags statt auf der Flur in den breiten geraden Gassen des stattlichen Dorfes, dann wurden Schlachtfest und Kirchweihfeier abgehalten, wobei wie bei den Hochzeiten ein wohlbegründeter Wohlstand zum Rechte kam. Blieb Unglück der Familie fern, war die Sommer- und Herbsternte geraten und Glück in Hof und Stall, dann ließ sich’s behaglich leben in den prächtigen Dörfern dieses Siedlungsraumes.
Und jetzt? Es ist wiederum Erntezeit! Steht heute auch der Weizensegen auf unseren Feldern und erwartet den Schnitter – seinen schwäbischen Besitzer? – Nein. Schon das xte Mal nach der Vertreibung aus der Heimat ohne ihn.
Aber wo sind diese fleißigen Schnitter, unsere schwäbischen Bauern? Wie sehen sie aus? Was schaffen sie?
Tausende von ihnen wurden Opfer des Krieges und der Nachkriegszeit. Einen Teil von ihnen sehen wir heute mit verhärmten Gesichtern im Menschengewimmel der deutschen und österreichischen Städte, oder wir finden sie in den Barackenlagern und Notunterkünften. Viele von ihnen suchen auch den Weg nach Übersee, in der Hoffnung, wiederum säen und ernten zu können. Manche arbeiten auch jetzt wieder in der Ernte, hier und in der alten Heimat, doch als Knechte, als Kolchosarbeiter. Die meisten von ihnen sind Bauhilfsarbeiter oder in den Fabriken beschäftigt. Weil wir ein Bauernvolk waren und es auch bleiben wollen, erfaßt uns besonders in der Erntezeit beim Hören des Sensendengels und Mähmaschinengerassels ein namenloses Heimweh …….. Den Aufsatz schrieb ich 1950.