Woher der kleine Bruder? „Aus dem Honigbrunnen“, oder in Lazarfeld brachte ihn der Storch. Zu dieser Frage fällt mir der kleine Franzi ein, Söhnchen einer kinderreichen Taglöhnerfamilie. Franzi hatte viele Schwestern und jede Schwester einen Bruder, den Franzi. Er war also der einzige Bube in der großen Familie, kaum fünf Jahre alt. Franzi wünschte sich am Neujahrstag einen kleinen Bruder. Seine Mutter vertröstet ihn auf den Storch. Der kleine kam fast täglich zu uns, damit ich ihm sage, wann der Storch käme. Meine widersprechenden Antworten machten ihn aber derart misstrauisch, dass er mir die Freundschaft kündigt: „Zu Euch kumm ich nimmer.“ Als ich ihn mit schönen Versprechungen besänftigt hatte, sagte er Versöhnlicherweise: „Gibt mr dann Wassr, ich ham Bohne gess, und die verlange Wassr.“ Ich reichte ihm den Becher, worauf wir wieder gute Freunde waren. Kurz darauf war endlich der große Tag gekommen, an welchem der langersehnte Zuwachs das Licht der Welt erblickte. Zunächst die kleine Vorgeschichte.
Es geschah an einem schönen Frühlingstag. Ich saß in der Schulstube und lauschte bei offenem Fenster auf das liebliche Gurren der Holztauben, die nur wenige Schritte von mir entfernt, auf dem Kirchendach ein lustiges Spiel trieben. Plötzlich hörte ich die laute Stimme des kleinen Franzi, der mit seinen Kameraden aus dem Kindergarten kam. Die Kleinen blieben unter meinem Fenster stehen und plauschten lebhaft. Ihr Gespräch wurde immer lauter und interessanter. Es drehte sich darum, ob sie spielen oder erzählen sollten. Auf Vorschlag des herrschsüchtigen Franzi einigten sie sich für das Rätselerzählen. „Ich vrzähl Eich gleich zwei, awr zuersch alli sitze!“ befahl Franzi triumphierend. Dann erzählte er, wie der Zigeunermischko seinen Schimmel vom Fressen entwöhnen wollte. Als der Schimmel an das Nichtfressen schon gewöhnt war, ist er gestorben.
„Jetz is es aus, dort lauft die Maus sie hat a rotes Kittl an, morje fangts widr an“
„Noch ens, noch ens, Franzi!“ jubelten die Zuhörer und klatschten ihm Beifall. Die zweite Geschichte war sein Traum von zwölf Räubern, die er aber nicht beenden konnte, weil das Klappern eines Storches ihn an seinen Neujahrswunsch erinnerte. Der Storch umkreiste einigemal die Kirche ließ sich schließlich auf das Turmkreuz nieder und begann zu klappern. „Do isr, do isr“, rief Franzi voller Freude und stimmte sein Sprichwort an, das er mit zunehmender Lautstärke öfters wiederholte.
„Storche, Storche Gutr, bring mr en klene Bruder!“
In diesem Augenblick rollte ein Radfahrer daher, der ihm zurief: „Bischt du gleich rujich, Ihr seid doch schun euer Fünfi!“ „Ich will awr en klene Brudr,“ beharrte Franzi auf seinem Neujahrswunsch. Während dieses Zwischenfalls fiel eine kleine Kameradin ein: „Storch, Storch Bestr, bring mr en klene Schwester.“ „Na, jetz hascht alles vrdorb! Was wert Dr. Storch jetz bringe?“ zürnte Franzi, und der Storch flog davon. Acht Tage später bekam Franzi die fünfte Schwester.
Die Geburt musste binnen kurzer Frist im Matrikelamt angemeldet werden. Am darauf folgenden Sonntag oder Feiertag trug man das Kind zur Taufe. Eine Taufe an Werktagen war in Lazarfeld eine Seltenheit. Die Taufeltern waren gewöhnlich jugendliche Verwandte der beglückten Eltern. Der Gang zur Kirche glich einem kleinen Festzug. Der Pat holte mit der Musik die Godl ab und marschierte mit ihr unter den Klängen lustiger Märsche zu ihrem Taufkind. Je mehr Schaulustige ihnen über den Zaun und aus dem Gassentor nach guckten, desto strammer und stolzer gingen sie. Im Hause wurde unterdessen das kleine Bündel geschnürt: das Kind ins Taufpolster eingewickelt und mit einem schön geschmückten Tuch bedeckt. Als alles klappte, machten sie sich auf den Weg. Die Godl trug das Kind und schritt an der Spitze zur Rechten des Paten, einige Schritte hinter ihnen die Hebamme und in einem weiteren Abstand die Musik, die fleißig lustige Märsche spielte. Zu Beginn des Gottesdienstes waren sie schon in der Kirche. Nach dem Hochamt vollzog der Priester das Sakrament der Taufe. Danach gingen Pat, Godl und die Hebamme mit dem Kind in das Pfarramt, wo der feierliche Akt in das Taufbuch eingetragen wurde.
Auf diesem Weg hüpfte ihnen die lustige Kinderschar nach, um mit dem Spottruf „Süß Godl, a sauer Pat“ den Taufeltern Zucker zu entlocken. Der Rückweg erfolgte in derselben Reihenfolge wie der Gang zur Kirche. Der Glanzpunkt des freudigen Ereignisses war die „Kindschenk“, ein Festessen, zu welchem die Taufeltern die Hebamme und auch andere Gäste geladen waren, die sich bei schmackhaften Speisen und feurigem Wein munter unterhielten.
Es war ein Stück der guten alten Zeit, leckeres Geflügel und fröhliche Stimmung in dem schönen Banaterland. Nach altem Brauch wurde die Wöchnerin drei Tage von der Godl und drei Tage vom Pat verpflegt. Zum Abschluss überreichte die Godl ein wertvolles Kinderkleid, was ihr Taufkind im Übrigen in der Kirche erwünschte. Weinte nämlich ein Kind während der Taufe, so sagte man: das Kind verlangte ein neues Kleid war es ein Mädchen, dann auch so: „Es wird eine böse Schwiegermutter“.