Wann’s Christkindl kummt …

Nachdem der Nikolo mit seinen Siebenmeilenstiefeln weiter marschierte, träumten die Kinder von den schönen Weihnachtsgeschenken. Die beliebtesten Geschenke waren die Backwaren aus Lebzelter, gesattelte Pferde, Puppen, Sterne, Herzen und Halsketten. Und diese Köstlichkeiten wurden vom Christkind im Himmelsofen gebacken. Glühte ein schönes Abendrot, so sahen sie in ihrer kindlichen Vorstellung sogar seine Helferinnen, die Engel, die den Himmelsofen heizen. Sie sagten: „s Chrischkindl backt Lezeldr.“

 

Vernünftige Kinder wollten wissen, daß das Christkind für die Zubereitung seiner Sachen neunzehn Tage benötigte. Es sei die Zeit vom Nikolaus bis zum Heiligen Abend. Auch darf das Christkind nicht durch Kinderlärm gestört werden, weil ansonst seine Arbeit nicht rechtzeitig verrichtet werden könnte. Diese Warnung brauchte nicht allzu oft wiederholt zu werden. Die Kinder versprachen, immer brav zu sein. Das Brav sein wäre noch einigermaßen zu ertragen gewesen. aber ach, das Warten, warten und warten. Aber endlich war doch der Tag gekommen, den sie so sehnsüchtig erwarteten. Es war der 24. Dezember. Nun der Heilige Abend.

 

Folgende Geschichte schrieb ich so nieder, wie sie der vierjährige Seppi erlebt hat. Sie waren damals eine Familie von sieben Personen, die Eltern und fünf Geschwister. Während Vater und Mutter das Vieh für die Nacht versorgten, saßen die Kinder in der warmen Bauernstube. Die größeren Buben, die schon in die Schule gingen, blätterten mit ernster Miene in ihren Schulbüchern, um dem Christkind ihren Fleiß vorzutäuschen. Der kleine Seppi drückte sich an den Fensterscheiben die Nase breit, damit er sehe, wo und wie das Christkind von der Himmelsleiter aus den Wolken hernieder schweben wird.

 

Ohne jedoch das ersehnte Wunder gesehen zu haben, wurde er durch eine Botschaft aus seiner Träumerei aufgeweckt:

 

„Kinr, s Christkindl kummt!“, rief seine Mutter in das Zimmer tretend. Hinter ihr keuchte ihre alte Nachbarin:

 

„Leut, macht doch mal Licht, s Christkindl is jo schun uff d’r Gass!“ Sie setzte sich an den warmen Lehmofen und ergänzte: „Dr Belzebock is aa drbei, er hat a scharfi Rut“.

 

Sekunden später klingelt es in der Küche und eine feine Stimme fragt um Eintritt an: „Laßt ihr das Christkind herein?

 

„Seppi sprang in seiner Aufregung hinter den Ofen, um sich dort zu verstecken. Seine Mutter öffnete unterdessen die Tür, worauf man dann alles genau beobachten konnte. In der Tür erschien ein weißer Engel mit einem schön geschmückten Christbaum, neben ihm ein zweiter Engel, anschließend Maria mit dem Jesuskind und dem heiligen Josef. Hinter ihnen regte und streckte sich der Knecht Ruprecht, Belzebock oder Krampus, der Schrecken der Kinder. Es waren größere Schulkinder, die als biblische Gestalten verkleidet ein kleines Weihnachtsspiel vor trugen (Siehe Christkindlspiel). Einen überraschenden Schluß macht Knecht Ruprecht. Er sparte nicht mit Tadel und ließ seine Rute auf den Rücken der vier Kinder tanzen, wobei er wiederholt murmelte: „Wirst du fleißig beten und in die Schule gehn?“ Voller Angst schaute Seppi aus seinem Versteck dem Treiben zu. „Ach wenn er schon draußen wäre!“ seufzte er und schmiegte sich an die Nachbarin. Sicherheitshalber schlug er sich noch ihr großes Wintertuch über den Kopf. Als er schon meinte, er sei von der Rute verschont geblieben, hörte er ihn fragen: „Wo ist denn der Fünfte?“ „Der is net to, der is in dr Nochbarschaft“, erwiderte die Nachbarin unterdessen sie aber mit dem Daumen wiederholt nach seinem Versteck zeigte. Natürlich traf auch ihn dasselbe Schicksal wie seine Geschwister. Ruprecht warf die Rute auf den Tisch und verließ das Zimmer.